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22. Dezember 2005 um 9:56 Uhr #566928
Nachfolgend die Übersetzung eines sehr interessanten Artikels von Eugenio Capodacqua, Radsportjournalist der Repubblica und Betreiber der Homepage sportpro.it
Capodacqua steht sicher als allerletzter im „Verdacht“, Marco „allzu freundlich“ gegenüberzustehen und ist zudem ein langjähriger Kenner der Szene und seriöser Fachmann. Daher ist dieser Artikel bemerkenswert.Im Buch des Equipe-Journalisten Philippe Brunel wurden erstmals Zweifel an der bisherigen Version des Todes von Marco Pantani angesprochen. Brunel berichtet von sehr beunruhigenden Details. Etwas sehr seltsames sei im Hotelzimmer in Rimini passiert, was bisher nicht aufgeklärt wurde. Die Untersuchungen waren zu oberflächlich und wurden vorschnell abgeschlossen.
Nun interveniert auch Vittorio Savini, langjähriger Leiter des offiziellen Fanclubs von Pantani. Er berichtet, dass das Leben von Marco Pantani bereits im Jahre 1999 bedroht geworden sei. Der Todesfall sei viel zu schnell zu den Akten gelegt worden. Per Telefon seien Drohungen ausgesprochen worden, am Tag nach dem Ausschluss vom Giro 1999. „Eine Person, mit klar südlichem Akzent, sagte, ich solle nicht zu betroffen sein. Es sei besser für Marco, dass es so gelaufen sei, denn in Mailand wäre er niemals angekommen“.
Dies passierte am 6. Juni 1999, zwischen 17.30 und 18.00 Uhr. Er erinnere sich daran, als ob dieses Telefonat gestern stattgefunden hätte, denn es war der Tag nach Marcos Ausschluss vom Giro in Madonna di Campiglio. Savini präzisiert, dass das Gespräch an seinem privaten Handy ankam, am Display habe eine private Nummer aufgeschienen.
Die erste Reaktion von Savini war „Angst“. „In diesem Moment hatte ich wirklich Angst, große Angst. Ich wurde bleich, ich habe versucht, nicht weiter daran zu denken, aber es war sehr schwer“.
Er habe die Episode nach Marcos Tod den untersuchenden Beamten nicht mitgeteilt, denn „ehrlich gesagt wollte ich dem kein Gewicht beimessen. Ich habe auch daran gedacht, dass es sich um einen durchgedrehten Fan handeln könnte. Heute jedoch, im Lichte all der Enthüllungen, denke ich anders und hätte vielleicht anders reagieren sollen“.
Savini erzählte Pantanis Mutter damals von dem Telefonat („ich sagte ihr, glaub mir, Tonina, es ist besser so, denn ich habe ein sehr beunruhigendes Telefonat erhalten“) und erinnerte sich anlässlich der tragischen Todesnachricht wieder an die Episode. „Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Ich bin der gleichen Meinung wie Marcos Mutter, dass in diesem Zimmer etwas sehr ungewöhnliches passiert ist. Die Beamten fanden das Kokain im Zimmer und damit war die Sache für sie bereits erklärt. Aber dort geschah etwas seltsames“.Ein weiteres Detail des pathologischen Befundes lässt Zweifel aufkommen: Große Mengen von Kokain wurden im Magen von Marco Pantani gefunden. Es könnte sein, dass er bereits in einem Stadium der Sucht angekommen war, dass er die Substanz quasi „gefressen“ hat. Aber dies ist nicht die einzige Hypothese. Experten in Sachen Drogenabhängigkeit bestätigen, dass kein Süchtiger der Welt Kokain willentlich „essen“ würde, aus dem einfachen Grund, weil die Magensäfte jedweden Effekt verhindern und dass es sich dabei schlicht um eine „Verschwendung“ handeln würde. Dies unterstützt die These, dass etwas seltsames in diesen tragischen Minuten passierte. Die Mutter von Pantani hat in den vergangenen Tagen mehrfach Zweifel geäußert. Etwa die Position des Leichnams am Boden oder die Tatsache, dass der Körper keine gröberen Verletzungen, Abschürfungen aufwies, vor allem nicht an den Händen, und dies nachdem Pantani in seinen letzten, völlig aufgelösten Stunden sein gesamtes Hotelzimmer verwüstet und auch Sanitäranlagen im Bad zerstört habe.
Sämtliche Thesen bezüglich der Möglichkeit eines Mordes sind bislang vage und unbestimmt. Hintergrund der tragischen Angelegenheit könnte das illegale Wettgeschäft sein, das einen großen Verlust mit einem Girosieg 99 von Pantani hätte hinnehmen müssen. Bekannt ist auch die Geschichte des mittlerweile inhaftierten Camorristen, (Anmerkung der Verfasserin: eine diesbezügliche Erläuterung folgt nach dem Artikel) dem schon einige Tage vor Madonna di Campiglio geraten wurde, nicht auf Pantani zu setzen, denn „der Glatzkopf würde sicher nicht in Mailand ankommen“.
Sollte sich irgendetwas davon als wahr erweisen, würde dies sämtlichen Thesen von „sportlichen Komplotten“ widersprechen, sondern es würde bedeuten, dass Marco Pantani in einem fürchterlichen Mechanismus geendet hätte, der viel größer ist als er und der ihn schlussendlich zermalmt hat. Auch wenn er nicht in Madonna ausgeschlossen worden wäre. Dieses „In Mailand wird er nicht ankommen“ des anonymen Telefonats, so es denn wahr ist (die Zweifel bleiben, warum dauerte es fast zwei Jahre, bis dieses Detail bekannt wurde), ist für sich schon sehr vielsagend.
Artikel von Eugenio Capodacqua, Original nachzulesen unter http://www.sportpro.it/doping/news/2005/12.htm#PANTANI
Anmerkung zu im Beitrag erwähnten Camorristen: Es handelt sich dabei um Renato Vallanzasca. Vallanzasca berichtet in seinem Buch „Il fiore del Male“ davon, dass er den Tipp bekam, beim Giro sein Geld auf Gotti oder Jalabert zu setzen, aber auf keinen Fall auf Pantani, denn dieser würde sicher nicht gewinnen.
Nach der Buchpräsentation sei er auch in den Akten von Staatsanwalt Guariniello (es gab zu diesem Zeitpunkt gerade wieder mal einen „Pantani-Prozess“….) als potentieller Zeuge aufgelistet worden, er habe dann jedoch niemals eine Vorladung seitens der Staatsanwaltschaft bekommen.
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