zu dem Behinderten: Dass der gute Mann an seinem Zustand leidet, bestreite ich nicht, dass er allzu empfindlich auf dergleichen reagieren würde, dagegen schon, denn dafür produziert er sich ein bißchen zu bereitwillig. Ich sehe wirklich wenig TV, hab aber schon drei mehr oder weniger seriöse Berichte über den Herrn gesehen. Er inzeniert sich offenbar ganz freiwillig als anatomisches Kuriosum, wirkt bereitwillig an der großen Freakshow mit. Und nicht falsch verstehen: ich finde das in Ordnung, solange es für ihn in Ordnung ist. Aber sollte seine Würde durch derartige Äußerungen herabgesetzt sehen, dürfte er eben nicht regelmäßig seinen Podex ins Fernsehen stemmen, Journalisten empfangen und sich beim waschen filmen lassen. Er hat für sich (möglicherweise aus finanziellen Gründen) entschieden, seine Krankheit zum Gaudium einer gaffenden Masse ausschlachten zu lassen, bitte sehr, dann aber bitte konsequent.
Weisst du Ventil, ich habe etwas mehr als zwei Jahre mit Behinderten gearbeitet (Zivildienst + anschließende Weiterbschäftigung, weil ich so ein toller Hecht war). Es gibt keine zwei, die mit ihrer Beeinträchtigung identisch umgehen. Aber ein großer Teil nimmt die Sache offensiv, bemüht sich um ironische Distanz und ist recht froh, wenn man darauf (in angemessener Form) auch eingeht.
1564 verurteilte die Inquisition den Arzt Andreas Vesalius, den Begründer der neueren Anatomie, zum Tod, weil er eine Leiche zerlegt und festgestellt hatte, daß dem Mann die Rippe, aus der Eva stamme, gar nicht fehle. (Karlheinz Deschner)